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PODCAST-INSIGHT

Mehr als ein Chatbot: Wie ein KI-Sales-Agent Stromverträge verkauft

Bei E1 Erste Energie berät, argumentiert und verhandelt ein KI-Sales-Agent rund um die Uhr – mit einer Widerrufsquote im Promillebereich.

Manuel Kreutz22. September 2026 · 7 Min Lesezeit
Post-its an einer Glaswand während eines Use-Case-Workshops
In 30 Sekunden
  • 01Ein Chatbot beantwortet Fragen. Ein Sales Agent führt ein Verkaufsgespräch — mit Einwandbehandlung und Verhandlungsspielraum.
  • 02Die Widerrufsquote liegt im Promillebereich. Aufgeklärte Kunden widerrufen nicht.
  • 03Kein Nachmittagsprojekt: über ein Jahr Arbeit, inklusive Pivot weg vom Chatbot.
Der Use Case

Der Markt, in dem niemand wechselt

Die meisten Menschen wissen, dass sie beim Strom zu viel zahlen. Trotzdem wechselt kaum jemand. Nicht aus Faulheit – sondern weil niemand da ist, der sie genau dann berät, wenn sie bereit wären.

Bei E1 Erste Energie übernimmt das jetzt ein KI-Sales-Agent – rund um die Uhr. Er berät, argumentiert, verhandelt und generiert echte Vertragsabschlüsse. In Folge 39 unseres Podcasts „Innovate or Cry“ erzählt Geschäftsführer Alexander Gierlinger die komplette Story hinter dem Projekt: von der ersten Idee über etliche Umwege bis zur aktuellen Version. Ich fasse hier zusammen, was dahintersteckt – und was sich daraus für jedes Unternehmen mitnehmen lässt, das ernsthaft über KI im Vertrieb nachdenkt.

Um zu verstehen, warum ausgerechnet ein Sales Agent der richtige Use Case war, muss man den Markt verstehen: Ein riesiger Teil der Haushalte hat den eigenen Strom- und Gasvertrag seit Jahren nicht angerührt – teils seit Jahrzehnten. Kaum jemand versteht die eigene Rechnung. Wer wechseln würde, könnte oft mehrere hundert Euro im Jahr sparen. Tut es aber nicht.

Der Grund ist manchmal Bequemlichkeit (erinnern wir uns an die Yello Werbung mit dem Schweinehund), aber häufiger liegt es an Überforderung. Tarife sind komplex, Rechnungen kryptisch, und ein Wechsel fühlt sich nach Risiko an. Diese Kunden füllen kein Vergleichsformular aus. Sie wollen beraten werden: Von jemandem, der ihre Fragen beantwortet, ihre Rechnung erklärt und ihnen die Angst vor dem Wechsel nimmt.

Genau da hatte E1 einen Engpass: Beratung skaliert nicht. Menschen haben Feierabend, gute Vertriebler sind knapp. Damit war der Use Case gefunden – nicht, weil KI gerade Hype ist, sondern weil das Problem exakt die Form hatte, für die ein KI-Agent gebaut ist: erklärungsbedürftiges Produkt, beratungswillige Kunden, unbegrenzter Bedarf an Gesprächszeit.

24/7
Beratung, auch nach Feierabend
> 1 Jahr
Projektarbeit bis zur heutigen Version
Widerrufsquote im Promillebereich
0
Rechenfehler bei Rabatt und Ersparnis
Unter der Haube

Warum ein Sales Agent kein Chatbot ist

Vier Schichten arbeiten zusammen — die vierte wird am häufigsten unterschätzt.

01Intent-ErkennungVersteht, worauf der Kunde hinauswill — auch wenn er es selbst noch nicht sagen kann.
02Knowledge BaseDas gesamte Tarif- und Produktwissen, trainiert auf FAQs, CRM-Analysen und tausenden echten Support-Tickets.
03GuardrailsDefinieren, was der Agent sagen darf und was nicht. Harte Leitplanken, geprüfte Mathematik.
04VertriebspsychologieDer vielleicht unterschätzteste Teil: macht aus korrekten Antworten ein gutes Verkaufsgespräch.
Der Pivot

Verkaufsgespräch statt Preisliste

Die erste Idee war naheliegend. Und falsch: ein klassischer Website-Chatbot. Das Team merkte schnell, dass damit niemandem geholfen ist. Ein Chatbot beantwortet Fragen. Ein Sales Agent führt ein Verkaufsgespräch. Er erkennt, was der Kunde eigentlich will, erklärt, argumentiert, geht auf Einwände ein und führt das Gespräch zum Abschluss. Auf einer Website existieren zudem überall Absprungmöglichkeiten.

Trainiert wurde das System nicht im luftleeren Raum, sondern mit dem, was E1 ohnehin hatte. Die Daten für einen guten Sales Agent liegen in den meisten Unternehmen längst herum. Man muss sie nur als Trainingsmaterial ernst nehmen.

Das Herzstück ist die Gesprächsführung. Der Agent arbeitet nicht wie eine Produktseite, die Tarife auflistet – er führt ein echtes Verkaufsgespräch. Er erkennt Widerstände und Unsicherheiten und reagiert mit Argumenten, die zum Moment passen. Zögert ein Kunde beim Abschluss, kann der Agent einen Einstiegsanreiz anbieten – nicht mit der Gießkanne, sondern dosiert und passend zur Situation.

Der entscheidende Unterschied zum menschlichen Berater: Der Agent macht keinen einzigen Rechenfehler. Kein versehentlich zu hoher Rabatt, keine falsch zusammengerechnete Ersparnis, keine Zusage, die es nicht geben dürfte. Die Leitplanken sind hart, die Mathematik sitzt und die Flexibilität liegt im Dialog. Für einen Energieanbieter ist das eine grundlegend neue Art, Geschäft zu machen.

Jede einzelne Silbe, die der Sales Agent von sich gibt, muss rechtlich geprüft sein.
Alexander Gierlinger, Geschäftsführer E1 Erste Energie
Compliance

Jede Silbe rechtlich geprüft

Wer „KI verkauft Verträge“ hört, denkt zu Recht sofort an Compliance. Das Projektteam auch – und zwar von Tag eins. AI Act und Energierecht setzen den Rahmen: Was der Agent zusagen darf, wie er sich zu erkennen gibt, welche Informationen er geben muss – all das ist definiert, geprüft und in den Guardrails verankert.

Das klingt nach Bremse. Ist aber das Gegenteil: Erst die saubere rechtliche Fundierung macht den Agenten skalierbar. Ein Vertriebskanal, der bei jeder Rechtsfrage zittern muss, wächst nicht.

Anti-Hype

Kein 15-Minuten-Projekt

Die vielleicht wichtigste Botschaft aus der Folge ist eine Anti-Hype-Botschaft. In einer Zeit, in der jeder zweite LinkedIn-Post suggeriert, man baue einen KI-Agenten an einem Nachmittag, steht hinter dem E1-Agenten mehr als ein Jahr Projektarbeit. Dazwischen liegen verworfene Ansätze, der Pivot vom Chatbot, unzählige Iterationen an Wissen, Tonalität und Leitplanken.

Wir sehen dies nicht als Makel, sondern sind überzeugt, dass KI-Projekte dann Wirkung entfalten, wenn sie eine tiefgreifende Analyse und Exploration sowie viel Iteration und Testing umfassen. Ein Prototyp ist schnell erstellt. Ein Produkt, das rechtssicher, markenkonform und verkaufsstark im Markt steht – das ist Arbeit.

Und die Menschen?

Growth without Growing

Die Frage kommt immer. Und sie ist berechtigt: Wer verliert seinen Job, wenn die KI verkauft?

Bei E1 lautet die Antwort: niemand. Das Stichwort heißt „Growth without Growing“ – wachsen, neue Kunden gewinnen, ohne zusätzliches Personal aufbauen zu müssen. Der Agent übernimmt die Nachtschicht und vervielfacht die Beratungskapazität. Das Team konzentriert sich auf das, was Menschen besser können. Und wo der Agent nicht weiterkommt, übernimmt der Mensch – dieses Zusammenspiel haben wir bewusst in die Journey aufgenommen.

Der Architekt der KI bleibt trotzdem immer der Mensch dahinter.
Alexander Gierlinger, Geschäftsführer E1 Erste Energie
Die entscheidende Kennzahl

Was am Ende zählt: die Qualität der Abschlüsse

Die spannendste Kennzahl des Projekts ist unscheinbar: die Widerrufsquote. Sie liegt im Promillebereich.

Warum das bemerkenswert ist? Weil Kunden, die von einer KI beraten wurden, offenbar genau wissen, was sie unterschrieben haben. Der Agent hat Zeit – unendlich viel Zeit – jede Frage zu beantworten, jede Position der Rechnung zu erklären, jeden Zweifel auszuräumen. Aufgeklärte Kunden widerrufen nicht.

Das dreht ein gängiges Vorurteil um: KI-Vertrieb ist nicht der aggressive Abschluss-Roboter, den manche fürchten. Richtig gebaut ist er das Gegenteil – geduldige Beratung in Serie, mit Abschlüssen, die halten.

Fünf Learnings für Entscheider

Was sich mitnehmen lässt — unabhängig von Branche und Produkt.

  1. 01Der Use Case entscheidetE1 hat ein konkretes Skalierungsproblem im Vertrieb gelöst – die Technologie war das Werkzeug, nicht der Ausgangspunkt. Die beste KI-Strategie beginnt mit der Frage: Wo ist Gesprächszeit der Engpass?
  2. 02Chatbot-Denken führt in die SackgasseWer verkaufen will, braucht Vertriebslogik, Einwandbehandlung und Verhandlungsspielräume. Eine FAQ-Maschine reicht dafür nicht.
  3. 03Compliance gehört ins FundamentAI Act und Branchenrecht müssen von Anfang an in der Architektur stecken – wer das erst in der Schlussabnahme prüft, baut um.
  4. 04Die Trainingsdaten liegen schon im HausSupport-Tickets, CRM-Historie, FAQs – das Rohmaterial für einen guten Agenten ist meist vorhanden. Man muss es nur heben.
  5. 05Rechne in IterationenEin guter KI-Agent entsteht durch Exploration, User Research und viele Schleifen – nicht an einem Nachmittag. Wer das vorher weiß, budgetiert und kommuniziert realistisch.
Wie es weitergeht

Vom Vertriebskanal zur Intelligenzschicht

Für E1 ist der Sales Agent erst der Anfang. Die Vision, über die wir in der Folge sprechen: vom einzelnen Vertriebskanal hin zu einem System, das Wissen, Prozesse und Kundenkontakt über Abteilungsgrenzen hinweg verbindet – eine Art unternehmensweite Intelligenzschicht.

Und falls du dich fragst, ob so ein Agent wirklich jeden überzeugt: Alexander Gierlinger ist es bis heute nicht gelungen, seine eigenen Großeltern vom Wechsel zu überzeugen – obwohl rund 700 Euro im Jahr drin wären. Manche Verhandlungen verliert eben auch die beste KI gegen die Macht der Gewohnheit.

Die ganze Story im Podcast

Innovate or Cry — Folge 39

Alexander Gierlinger und ich erzählen die komplette Journey — inklusive der Momente, in denen es zäh war.

Manuel Kreutz

Geschäftsführer K&P · Innovation × KI. Baut mit seinem Team KI-Projekte vom Use Case bis zur Version, die verkauft.

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